Making of: Träne der Wüste
Spoiler-Warnung: Dieser Artikel verrät Handlungsdetails. Wenn du das Werk noch nicht kennst, solltest du besser nicht weiterlesen.

Wie heißt es so schön: Man kriegt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.

Die erste Episode einer Serie ist immer etwas Besonderes. Die Hauptfiguren sind fremd, die Story ebenso. Alles muss sich erst zusammenfügen. Erschwerend kommt hinzu, dass die ersten Seiten den Lesenden bereits einfangen müssen. Sonst landet der Schmöker schnell beim anderen Tsundoku, möglicherweise für immer.

Mit der Episode “Träne der Wüste” habe ich mein Debut als Hobby-Autor hingelegt. Ein Kurzroman-Krimi mit etwa 8.200 Wörtern. Was man der Geschichte nicht ansieht, sind über zwei Jahre Vorarbeit, die ich bereits in das Gesamtkonzept von Infinisomnia, an der Entwicklung der Charaktere, am Feilen des Schreibstils und des übergreifenden Plots gesteckt hatte.

Diese erste Episode bot zudem eine einmalige Gelegenheit, die ich nicht liegenlassen durfte.

Aber der Reihe nach…

Der Plot

Der Automechaniker Dian schläft nach einem anstrengenden Tag zu Hause auf der Couch ein, und wacht in der Kabine einer Zugtoilette wieder auf. Er weiß nicht, wie er dort hingekommen ist und warum er plötzlich von allen Lacombe genannt wird. In einem Abteil trifft er Miray, eine Reisende, die ebenfalls in diesem sonderbaren Traum gefangen ist.

Sie finden heraus, dass sich ein Dieb im Zug befindet, der mit einem gestohlenen Diamanten auf der Flucht ist. Wie er aussieht, weiß niemand. Schnell fällt der Verdacht auf einen Mitreisenden. Doch ist er wirklich der gesuchte Dieb, oder will die mysteriöse Miray den Verdacht bloß von sich ablenken?

Die Kulisse

Die Episode spielt im Orient Express im März 1909. Ursprünglich plante ich für das erste Zusammentreffen von Dian und Miray einen ganz anderen Ort, der Orient Express spielte nur eine Nebenrolle. Die Kulisse gefiel mir aber so gut, dass ich ihr die gesamte erste Episode widmete. Sie zeigt bereits das volle Potenzial der Traumreisen zu verschiedenen Epochen und Orten, die uns in den kommenden Episoden begleiten werden.

Was könnte die erste Reise außerdem besser symbolisieren als jener berühmte Luxuszug?

Die Protagonisten

Für dieses Projekt nahm ich mir einen Klassiker zum Vorbild, nämlich die Sherlock Holmes-Kurzgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle. Sie handeln von dem vermutlich berühmtesten Romandetektiven Holmes und seinem treuen Begleiter und Chronisten, dem Arzt Dr. Watson.

Die Aufteilung finde ich genial. Watson dient als Erzähler der gemeinsamen Abenteuer, die Geschichten sind (bis auf wenige Ausnahmen) aus seiner eigenen Perspektive geschrieben. Watson ist kein Genie, längst nicht so wie Holmes, aber er ist freundlich, offen und zuverlässig – eine Figur, mit der der Lesende sich gut identifizieren kann. Holmes ist die zentrale Figur der Romane, jedoch bleibt er immer etwas mysteriös, verschlossen, eigensinnig.

Diese Konstellation habe ich mir abgeschaut, modernisiert und mit ein wenig Humor und Romance gewürzt.

Dian nimmt die Rolle des Dr. Watson ein. Er ist der Erzähler, ein sympathischer, selbstironischer, gelegentlich etwas naiver junger Mann. Er stellt eine gute Identifikationsfigur dar.

Miray entspricht Holmes. Sie ist schlau, ausdauernd, frech, aber auch verschlossen und mysteriös.

Im Gegensatz zu den Holmes-Geschichten, die im Grunde in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, wird sich das Bild von Miray weiterentwickeln. Die viel zu perfekte Fassade aus der ersten Episode wird bald erste Risse bekommen.

Und die Besonderheit, die ich eingangs erwähnte?

In dieser ersten Episode trifft nicht nur der Lesende, sondern auch Dian seine künftige Gefährtin das erste Mal. Ein idealer Zeitpunkt, um Zweifel zu säen: Ist Miray wirklich die Heldin, die mit Dian zusammen den Dieb jagt? Oder benutzt sie Dian bloß, um den Verdacht von sich selbst abzulenken?

Die Traumwelt

Dian lernt in dieser Episode die grundlegende Mechanik der Reisen in die Traumwelten kennen. Er erreicht sie im Schlaf. Sie fühlen sich wie ein Traum an, jedoch vollkommen real.

Und aufwachen? Das geht erst, wenn ein Abenteuer bestanden wurde und ein grüner Kreis am Handgelenk erscheint.

Was habe ich gelernt?

Hmm… Was lernte ich in dem ersten Kurzroman, den ich tatsächlich veröffentlichte?

Ich würde sagen, ich lernte, überhaupt einen kompletten Kurzroman von Anfang bis Ende durchzuerzählen.

Sprachlich hielt ich ihn anfangs tatsächlich sogar für ziemlich gut. Dann las ich etliche Schreibratgeber und schrieb zwei weitere Episoden, bevor ich rückblickend bemerkte, dass ein guter Roman mehr braucht, als wohlklingende und grammatikalisch richtige Sätze aneinanderzureihen.

Mittlerweile liegt die erste Episode in einer vollständig überarbeiteten “Version 2” vor. Der Schreibstil passt schon besser zu den späteren Episoden. Ich verbesserte außerdem verschiedene Szenen, beispielsweise die, in der Miray und Dian aus dem Abteil ausbrechen. In der ursprünglichen Fassung stellte sich Dian ohnmächtig und Miray rief um Hilfe. Doch dieser Trick ist so alt, dass vermutlich sogar ein Conducteur aus dem Jahr 1909 ihn sofort durchschaut hätte. Der neue Trick ist kreativer und lässt Dian in seiner Eigenschaft als Mechaniker glänzen.

Im Anschluss gönnte ich dieser neuen Fassung ein professionelles Lektorat. Das wirklich hervorragende Feedback liegt auf meiner Festplatte und wartet darauf, eingearbeitet zu werden. Dann wird es von dieser ersten Episode sogar eine dritte Version geben.

Überrascht hat mich, dass viele Lesende Dian für den zentralen Helden der Geschichte halten. Bei Holmes und Watson hat diese Konstellation schließlich auch funktioniert, man redet nicht von “Dr. Watson und dem Detektiven”, sondern von “Holmes und seinem Chronisten”. In einem Schreibratgeber fand ich schließlich die Erklärung dafür: Lesende halten die erste Person im Roman automatisch für den Held oder die Heldin.

Tja, Anfängerfehler. 😂