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Making of: Der Alchemist
Spoiler-Warnung: Dieser Artikel verrät Handlungsdetails. Wenn du das Werk noch nicht kennst, solltest du besser nicht weiterlesen.

Diese Episode war ein Kraftakt. Sie sollte ursprünglich die zweite Episode der Reihe werden. Am Ende wurde es Nummer Sieben.

Ich bin großer Fan von Sherlock Holmes, und tatsächlich steckt viel Inspiration davon in diesem Projekt, angefangen mit Dian als Erzähler (wie Doktor Watson) und Miray als mysteriöser Heldin (wie Sherlock Holmes).

Was lag also näher, als auch eine Detektiv-Episode im Viktorianischen London spielen zu lassen?

Ich hatte dabei mit vielem gerechnet. Womit ich nicht rechnete, war, dass meine Hauptcharaktere die Geschichte boykottieren würden.

Die hier nun vorliegende Episode ist der vierte Versuch. Es existieren tatsächlich drei weitere Versionen, alle mehr oder weniger fertig erzählt. Einmal brachte ein Dieb einen Gegenstand zurück, statt ihn zu stehlen. Einmal verschwand eine Statue vor den Augen der Putzkraft spurlos aus einem Museum. Einmal verschwand ebenfalls ein Gemälde wie von Zauberhand – aber niemand fand sich, der ein gutes Motiv hatte.

Erst dieser hier vorliegende vierte Versuch gelang. Weil ich erst jetzt verstand, was die vorherigen Versuche scheitern ließ.

Es war nicht der Plot. Die Ideen waren gut und ausbaufähig.

Es war, dass ich Miray und Dian unbedingt in die Rollen von Holmes und Watson drängen wollte. Ich wollte ein Imitat von Doyles Geschichten erschaffen. Meine Charaktere wehrten sich dagegen. Sie spielten unmotiviert, farblos, launisch.

Erst als ich sie wieder sie selbst sein ließ, funktionierte es endlich.

Der Plot

Miray führt eine Detektei im Viktorianischen London, Dian ist ihr Kompagnon. Sie bekommen Besuch von Mr. Wellington, dem Inhaber einer Versicherung.

Er versicherte ein Gemälde von Vermeer, das in London ausgestellt werden sollte. Doch während des Transports von den Docks ins Museum verschwand es wie von Zauberhand.

Ihre erste Spur führt zu einem bekannten Dieb, dessen Spezialität es ist, in die am besten geschützten Orte einzudringen.

Der Fall läuft glatt, so scheint es. Zu glatt?

Die Kulisse

Dieses Mal war die Kulisse, nämlich das Viktorianische London, der Kristallisationskeim für die gesamte Episode. Ich wollte eine Geschichte, die sich wie Sherlock Holmes anfühlt.

Die Recherche war entsprechend umfangreich. Ich las über die verschiedenen Kutschen, fand eine Website mit altem Kartenmaterial, und lernte die Temperance Bar und das Chophouse kennen.

Mirays Feststellung, dass im Viktorianischen London die Post bis zu zwölf Mal täglich ausgetragen wurde, basiert ebenfalls auf Fakten. Es gab Beschwerden, wenn ein Brief nicht binnen zwei Stunden zugestellt wurde.

The Monument kannte ich bereits. Dass die Säule ursprünglich auch zur Sonnenbeobachtung diente, war mir dagegen neu.

Zu Jan Vermeer: Er war zu der Zeit tatsächlich nur in Kunstkreisen bekannt. Um die Spannung ein wenig zu erhöhen, ob das Gemälde wiedergefunden wird oder nicht, entschied ich mich für ein fiktives Werk. Der Alchemist passt mit dem Astronom und dem Geograf zu Vermeers Reihe der Wissenschaften.

Einen kleinen Fehler gestattete ich mir dabei. Die beiden existierenden Bilder wären mit ihren etwa 51 × 45 cm viel zu groß für den Trick, mit dem der Alchemist verschwand. Das fiktive Werk ist also mit seinem deutlich kleineren Format ein Ausreißer der Reihe.

Die Figuren

Miray und Dian sind Partner in einem Detektivbüro, das Mirays Namen trägt. Das sorgt für reichlich Verwirrung und Konfliktstoff, da eigenständige Frauen im Viktorianischen London eher ungewöhnlich waren. Und Miray ist eigenständig. Sehr eigenständig.

Inspektor Leblanc ist natürlich eine Anspielung auf Inspektor Lestrade, der Holmes regelmäßig zur Seite stand. Mir gefiel der Name vor allem wegen seinem Bezug zu Maurice Leblanc, dem Autor des berühmten Meisterdiebs Arsène Lupin, ebenfalls ein Klassiker unter den Kriminalromanen.

Dians Traum

Dians Traumszene ist nett, aber bringt den Plot kein Stück voran. Vermutlich würde ein Lektorat die Streichung fordern, wenn ich denn eins hätte. Ich wäre geneigt, dem zuzustimmen.

Warum ist die Szene trotzdem drin?

Sie ist eine Reminiszenz an frühere Versuche, diese Episode ans Laufen zu kriegen. Dort nannte sich Miray Sherlocka Swift, und ihr treuer Begleiter war Dr. Dian Hilton, tatsächlich konzipiert als Doktor der Botanik.

Ich habe die Traumszene im Präsens geschrieben. Es war ein Experiment, und ich hatte die Befürchtung, dass es den Lesenden aus dem Lesefluss reißt. Das Feedback war aber durchweg positiv. Der Traum im Traum sticht dadurch heraus.

Die Traumwelt

Dian möchte diesmal etwas herausfinden.

Dass er Miray nicht außerhalb seiner Träume treffen kann, weiß er bereits seit Der große Trampera. Das beantwortet allerdings nicht seine Frage, ob die Traumwelten an sich eingebildet sind, oder ob er tatsächlich Reisen in andere Zeiten und an fremde Orte unternimmt.

Also ritzt er etwas in einen Stein von The Monument, in der Hoffnung, damit seine Gegenwart verändert zu haben. Leider ohne Erfolg.

Was habe ich gelernt?

Zum ersten Mal ist Dian ein unzuverlässiger Erzähler. Soll heißen: Er lügt den Lesenden an. Es spielt dabei keine Rolle, ob absichtlich oder ungewollt.

Hier ist es Absicht. Er nennt im Showdown den vermeintlichen Täter, um im Anschluss zuzugeben, dass er damit falsch lag. Da er in Vergangenheitsform erzählt, musste er das bereits gewusst haben, als er die Geschichte aufschrieb. Trotzdem nennt er zunächst den falschen Täter.

Der Lesende verzeiht diesen Kniff für gewöhnlich, und wird dafür mit einem weiteren Plot Twist belohnt.