Sidecar Restaurierung, Teil 1

Ich hatte Glück und konnte ein Commodore A1060 “Sidecar” ergattern. In diesem ersten Teil geht es darum, das Sidecar zu zerlegen und den Zustand zu beurteilen.

Was ist ein Sidecar überhaupt? Als Commodore den Amiga 1000 veröffentlichte, waren seine Grafik- und Soundfähigkeiten in dieser Preisklasse unübertroffen. Da die Maschine auf dem Motorola 68000 Prozessor basierte, konnte man aber keine MS-DOS-Software darauf ausführen, die es damals reichlich gab.

Das deutsche Commodore-Werk in Braunschweig versuchte, dieses Problem mit dem Amiga 1060 zu lösen. Die Maschine wurde an den Amiga 1000 angeschlossen und bot einen vollwertigen IBM-kompatiblen PC. Eigentlich handelte es sich um einen eigenständigen Computer, aber er hatte keine Video- und Tastaturanschlüsse, sondern wurde vollständig vom Amiga gesteuert. Weil er an die rechte Seite des Amiga angeschlossen wurde, sah er aus wie der Beiwagen (englisch: Sidecar) eines Motorrads, was ihm seinen Spitznamen einbrachte.

Das Sidecar kam relativ spät auf den Markt, konnte nur mit dem Amiga 1000 verwendet werden und war ziemlich teuer. Aus dem Grund wurde nur eine kleine Stückzahl produziert. Ich konnte keine offiziellen Zahlen finden, aber laut Dr. Peter Kittel (einem Ingenieur bei Commodore Braunschweig) wurden in Deutschland lediglich zwischen 3.000 und 5.000 Exemplare verkauft, in der restlichen Welt sicherlich noch weniger.

Mein A1060 kam mit einem offenen Gehäusedeckel. Der Grund war, dass das 5¼"-Diskettenlaufwerk entfernt und durch eine Festplatte in voller Bauhöhe ersetzt worden war. Sie war so hoch, dass sie nicht in das Gehäuse passte. Zudem war sie überraschend schwer.

Viele Schrauben fehlten oder waren oxidiert. Davon abgesehen befand sich die Maschine in einem gebrauchten, aber akzeptablen optischen Zustand. Der Vorbesitzer hatte vorne einen Reset-Knopf und hinten einen zweiten D-Sub-Anschluss hinzugefügt (der sich später als weiterer Anschluss für ein Diskettenlaufwerk herausstellte, warum auch immer).

Ich beschloss, die gesamte Maschine erst einmal zu zerlegen. Mein Plan ist, sie in ihren Originalzustand zurückzuversetzen. Das bedeutet auch, die riesige Festplatte und ihre Controller-Platine zu entfernen.

Es gibt einen Rahmen, der das Diskettenlaufwerk und das Netzteil trägt. Ich fand viel seltsamen Rost darauf, der ein wenig nach Feuchtigkeitsschaden aussah, was aber die Form der Flecken nicht erklärte.

Das Netzteil sah einigermaßen okay aus. Für den Stromanschluss des Diskettenlaufwerks wurden Lüsterklemmen verwendet. Die Zugentlastung für das Amiga-Netzkabel fehlte, stattdessen fand ich einen Knoten im Kabel.

Ich gab das Netzteil zur Überholung an einen erfahrenen Techniker im a1k.org Amiga-Forum.

Außerdem stellte ich fest, dass die Pins der Power-LED abgebrochen waren. Die LED selbst wurde durch einen mit Sekundenkleber befestigten Kunststoffstopfen an Ort und Stelle gehalten. Es war unmöglich, sie ohne Gewalt zu entfernen. Eine Ersatz-Power-LED hing einfach lose im Gehäuse.

Graben wir tiefer. Der Computer besteht aus zwei Platinen. Die untere Platine ist der PC, mit drei XT-Bus-Steckplätzen, einem Sockel für die FPU und acht Sockeln für weitere 256 KB RAM. Die obere Platine dient als Brücke zwischen der Amiga- und der PC-Seite. Beide Platinen sind durch zwei Flachbandkabel miteinander verbunden.

Auf den ersten Blick sah die obere Platine zwar schmutzig, aber in Ordnung aus. Auf der Unterseite fand ich viele Fädeldrähte, zusätzliche Widerstände und durchtrennte Leiterbahnen. Zuerst dachte ich, dass diese Modifikation vom Vorbesitzer vorgenommen wurde, aber dann fand ich ähnliche Fotos im Internet. Wie es aussieht, wurden die Änderungen also schon im Werk vorgenommen.

Dann bemerkte ich, dass sechs 74HC245 Bustreiber durch 74LS245 ersetzt worden waren. Der Austausch war etwas “kreativ”. Die alten Chips wurden Beinchen für Beinchen von der Platine abgeknipst und die neuen Chips dann an die Reste der alten Beinchen gelötet. Das war definitiv nicht ab Werk so.

Einerseits war ich froh, dass der Vorbesitzer nicht versuchte, die Chips auszulöten, da er die Platine hätte beschädigen können. Andererseits sah es sehr nach Bastelei aus. Das Chaos werde ich später aufräumen.

Der Austausch der 74HC245 gegen 74LS245 war ein gängiger Fix, um das Sidecar kompatibler mit Amiga-Speichererweiterungen zu machen. Ich entschloss mich, es deshalb bei den 74LS245 zu belassen, aber Sockel zu verwenden, damit die Modifikation leicht rückgängig gemacht werden kann.

Der Zorro-Stecker war irreparabel beschädigt. Zwei Pins waren abgebrochen und ein weiterer so verbogen, dass er einen Kurzschluss verursachen könnte.

Ich konnte keinen passenden 88-Pin-Platinenstecker als Ersatz finden, der an die Platine genietet werden konnte. Ich fand nur einen neuen Stecker ohne die Nietlöcher. Der wird reichen müssen.

Die untere Platine war noch schmutziger, schien aber ansonsten unmodifiziert und unbeschädigt zu sein. Der Piezo war verrostet, den würde ich ersetzen müssen.

Unterm Strich wird es eine Menge Arbeit zu erledigen geben:

  • Gehäuse reinigen, Rost entfernen, alle Schrauben ersetzen
  • Power-LED reparieren
  • Netzteil überholen lassen
  • Alle Elektrolytkondensatoren, den Buzzer und den Zorro-Stecker ersetzen
  • Die sechs Bustreiber auf der oberen Platine versäubern
  • Ein neues Diskettenlaufwerk finden

Mehr dazu im zweiten Teil dieses Artikels!